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blog:und_wo_haben_sie_sich_radikalisiert

Und wo haben Sie sich radikalisiert?

ORF-Steiermarkt schrieb unter der Überschrift Extremismus: Neue Studie belegt starke Zunahme:

Extreme Denkweisen und Handlungen sind offenbar auf dem Vormarsch – darauf weist eine neue Extremismusstudie hin, die das Land gemeinsam mit der Stadt Graz erstmals in Österreich in Auftrag gegeben haben.

[…]

Menschen seien verunsichert, sagen die Autoren der Studie, das Vertrauen in die Politik fehle oftmals auch – was folge, sei die Flucht in vermeintlich sichere Wahrheiten, so der Zeithistoriker Helmut Konrad: „Man ist stärker auf der Suche nach einfachen Erklärungsmodellen, auf der Suche nach Feindbildern, nach den ganz einfachen Sachen. Bill Gates wird dann zum Juden gemacht, dann hat man Weltverschwörungstheorien dahinter, denn irgendwer muss ja schuld sein, dass es uns jetzt so krisenhaft trifft.“

Zuerst mal meine Antwort auf die Frage in der Überschrift: Im Politik- und Wirtschaftseil meiner Tageszeitung bzw. der ORF-Nachrichten.

Wer die aktuellen (nee, eigentlich seit immer… so traurig, wie das ist) Nachrichten verfolgt und bereit ist, im Prinzip alles in Frage zu stellen, wird meiner Meinung nach über kurz oder lang zu der Ansicht gelangen, dass wir seit Jahrzehnten, sagen wir mal, suboptimal regiert werden. Nicht nur das, auch drängt sich der Eindruck auf, dass Politiker eher den Vorteil ihrer engen Peergroup und Sponsoren im Blick haben, als sich um das Wohl aller zu kümmern.

Des weiteren kann man zu dem Schluß kommen, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen, stark durch Jahrzehnte der Klientelpolitik geprägten Form, nicht die optimalste (liebe Grüße an M. ;) ) Gesellschaftsform ist.

Diese Schlussfolgerungen sind - in vornehmlich linksgrünversifften Kreisen, ebenso vornehmlich den Leuten mit genug Tagesfreizeit - schon länger bekannt. Dies schlug sich über Jahrzehnte unter anderem in der Gründung vieler ebenso revolutionärer wie erfolgloser Parteien nieder.1)

Der Erfolg dieser Parteien krankt (abgesehen von den völlig jenseitigen Patienten wie den Yogi-Fliegern, die sind ihrer Zeit viel zu weit voraus) vor allem daran, dass ihre Lösungsvorschläge notwendigerweise zum einen sehr komplex und zum anderen voller Systemkritik sind.

Hier kommt der Schlips meiner Ansicht nach ins Rad. Für diese komplexen Lösungen muss der Wähler sein langsames Denken einschalten. Das schnelle Denken liefert hier nämlich wenig Hilfe - wenn doch, ist das Konzept wohl nicht so revolutionär wie gedacht. Damit er das jedenfalls macht, muss ich ihn mit etwas ködern - in diesem Fall damit, dass ich ihm erkläre, was offensichtlich gerade falsch läuft, warum das so ist und wie uns meine dollen Lösungen da helfen werden. Tief in sich drin ist dem Wähler aber bekannt, dass er selber Schuld ist. Gewählt hat diese Klientelpolitiker ja nunmal er, so wie die Generationen vor ihm auch. Gewählt wurden unsere Politiker, weil sie einfache Lösungen präsentiert haben, die uns erlaubt haben, in unserer Komfortzone zu bleiben. „Gehts der Wirtschaft gut, gehts und allen gut“ und „Wer sich nur genug bemüht, kann auch zu den Gewinnern gehören, egal, woher er kommt2)“.

Diese Löungen waren für mich in Wirklichkeit genau so extremistisch wie „die Ausländer/der Jude/die Schwulen sind allem Schuld!“. Im Jahr 1972 warnte der Klimarat bereits in der Tagesschau, dass wir in 50 Jahren massive Probleme bekommen, wenn der CO2-Ausstoß so weiter geht. Hätte man wissen können, wollte man aber nicht.

Man hat die Geldextremen gewählt, weil man an den Profiten mitnaschen konnte und die direkten Auswirkungen wo anders oder wann anders auftraten. Diesen ganzen Umweltmumpitz und die Beschwerden über Kinderarbeit hat man wohl mal kurz zur Kenntnis genommen, aber spätestens in der Wahlkabine war alles wieder wie früher. Beziehungsweise würde es werden, wenn man den Geldextremen nur wieder seine Stimme gäbe.

Kritik am System ist also immer auch Kritik am Wähler, der die Systemgestalter gewählt hat. Damit sage ich ihm also indirekt, dass er auf das falsche Pferd gesetzt hat; dass er sich hat blenden lassen. Sich Fehler einzugestehen ist aber hart ungeil, also macht das keiner gerne, ergo verfliegt der Wunsch, sich mit den komplexen Lösungen für die Probleme, die man selber verursacht hat, zu beschäftigen, recht schnell.

Jetzt habe die sich erhöhende Taktzahl der Krisen und vor allem das Näherkommen der Einschläge dazu geführt, dass Angst und Verzweiflung bei immer mehr Menschen das langsame Denken aufgeweckt haben. Brot und Spiele verlieren anscheinend etwas ihe betäubende Wirkung, wenn man befürchtet, sich beides nächste Woche nicht mehr leisten zu können.

Und da kommen wir wieder zur obigen These: Komplexe Lösungen zu Problemen, die ich dann zugeben muss mitverursacht zu haben, sind absolute Ladenhüter. Der schuldige Ausländer/Jude/Schwule3) hingegen geht weg wie warme Semmeln. Den weniger Rechtsextremen (die sogenannten Bürgerlichen Parteien, die früher bestenfalls als „Sehr Konservativ“ durchgegangen wären) verkauft man derweil das selbe Schneeballsystem wie immer: „Wie müssen nur mehr Markt zulassen, um den Markt zu retten!“ und streut ein paar Versorgungsängste drüber.

Ich würde insgesamt also soweit gehen, der Überschrift zu widersprechen und sagen, der Extremismus ist nicht mehr geworden, er verteilt sich nur neu.

Auch, weil immer mehr die Märchen der Geldextremen an der eigenen Wahrnehmung zerschellen sehen. Da die zionistische Weltverschwörung oder die Umvolkungspläne dunkler Eliten noch nicht von der persönlichen Erfahrung widerlegt wurden, wendet man sich jetzt halt diesen bzw. deren Bekämpfung zu.

Machts auch nicht viel besser irgendwie.

1)
Das mein Lesbarkeitsindex zusammen mit Orthografie und Grammatik schon vor Jahren desertiert sind, ist mir nicht neu, vielen Dank!
2)
ich meine sowohl Land als auch Elternhaus
3)
ich weiß, dass Homosexuelle der bessere Terminus wäre, aber das sprüht kein Idiot irgendwohin

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blog/und_wo_haben_sie_sich_radikalisiert.txt · Zuletzt geändert: 2022/09/06 11:28 von frank